Die Stall-Verarsche

Was ich in den letzten 35 Jahren schon so alles in Bezug auf Pferdepensionsställe erlebt habe, ist einfach mal einen eigenen Beitrag wert. Ich glaube jeder Pferdebesitzer kennt diese Probleme & wird sich bei mehreren Beispielen erkennen. Ich nenne es auch gerne „Die Stall-Verarsche“. In keiner anderen Dienstleistungsbranche wird für so viel Geld auch so viel gelogen & beschissen! Ich bin sicher, alle Pferdebesitzer wünschen sich viel mehr Transparenz & zwar bevor sie mit ihrem geliebten Pferd in einen neuen Stall gezogen sind. Eine Bewertungsplattform mit Stall-Referenzen, wie zB. bei Holidaycheck wäre doch echt super... Mit freundlichen Grüssen an alle Pensionsstallbetreiber.

„Die Stall-Verarsche“

Da geht man pünktlich zum Besichtigungstermin eines potentiellen neuen Pensionsstalles & wird vom Betreiber auch sehr freundlich rum geführt. Die Heuqualität sowie die Fütterungszeiten werden wohlwollend besprochen & begutachtet, die Einstreu für sauber & ausreichend erklärt, die Weiden sind riesig & wirken gepflegt so ganz ohne Giftpflanzen.
Laut Betreiber sind diese auch bei gutem Wetter wirklich immer offen... Schade, hat es gerade seit 3 Tagen regnet...

Stallbesichtigung

Ein Hänger fährt vor den Stall & zwei Frauen laden hektisch eine kleine süsse Araberstute ein. Eine der Damen streift uns noch kurz mit ihrem Blick & presst verbissen die Lippen zusammen. Die Unhöflichen haben allerdings nicht mal wirklich gegrüsst & brausen auch schon wieder davon. Schade, denn wir hätten gerne die Gelegenheit genutzt & sie gefragt, wie zufrieden sie denn hier als Pensionäre im Stall waren. Huschte da dem Stallbetreiber nicht eben ein rötlicher Schatten über das Gesicht?
Ach nein keine Sorge, diese lieben Leute seien leider, leider bereits letzten Monat schon aus Geschäftsgründen in einen anderen Kanton umgezogen & nehmen nun das eine Pferd schweren Herzens auch noch dorthin mit. Es sei ja so schade, denn er hätte ja immer so ein freundschaftliches Verhältnis zu all seinen Pensionären. Leicht seufzend erinnert er sich wohl gerade, wie viele schöne Stunden er mit ihnen bei einem Schwatz im Reiterstübchen verbracht hatte.

Ach ja, das Reiterstübchen, das würde er uns nun gleich auch noch zeigen. & so geht es weiter mit der Besichtigung & unserem gemeinsamen ersten Schwätzchen & schnell ist auch noch ein lockerer Scherz auf die gute Laune gemacht & kurz aufgelacht. Ach, wie schön, dass gerade wir diesen Stall hier jetzt entdeckt haben… Hoffnung keimt in uns auf, dass dieser Pensionsstall nun vielleicht
endlich unser neues & tolles Zuhause für ganz lange Zeit sein könnte. Die Boxe ist zwar etwas klein & auch der Auslauf nicht wirklich gross, aber eben, sie kommen ja täglich in der Gruppe auf die Weiden.
Am liebsten hätten wir ja allerdings Gruppenhaltung, aber eben da haben wir in den letzten Jahren schon zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Immer diese unruhigen Wechsel in der Herde & die Gruppenställe werden leider auch immer mit viel mehr Pferden vollgestopft, als ursprünglich mal abgemacht wurde. Da sind Rangkämpfe um Futter & Schlafplätze vorprogrammiert & unser Pferd ist dabei leider immer unter die Hufe gekommen. Die vielen Tierarztrechnungen wegen Verletzungen lassen grüssen. Oha, da an der Boxenwand steht noch ein rostiger Nagel raus. Der lässt sich auch nicht einfach von Hand raus ziehen & der Betreiber meint ganz locker, den mache er nachher noch gleich mit einer Zange raus. Sehr gut. Natürlich müssen wir uns jetzt schnell entscheiden, denn er habe ja noch so viele Anfragen für diesen Pensionsplatz. Auch der etwas hohe Preis schreckt uns daher nicht ab, denn der gebotene Top-Service ist uns doch so viel Geld für unser geliebtes Pferd wirklich wert & erscheint uns, wenn wir es mal überlegen, doch auch angemessen. Gute Leistungen sollen auch gut bezahlt werden. & so steht uns & unserem Hü dann schon bald der freudige Umzug in diesen neuen super Stall bevor.
Der Letzte war aber auch echt ein Loch & da hat einfach gar nix mehr gestimmt… Jetzt wird aber sicher alles gut. Die neuen Stallkolleginnen meinen dann auch noch, sie hätten uns vor diesem alten Stall dort warnen können, es seien ja schon früher viele von dort geflüchtet… Ach, hätten wir das nur auch früher gewusst. Schade. Aber jetzt sind wir ja hier & alles ist gut.

Der neue Stall

Was passiert dann? Kaum hat sich das Pferd etwas im neuen Stall eingelebt, fallen uns schon die ersten kleinen Mängel auf... Das Heu hat Schimmel drin & wir melden es sorgenvoll dem Stallbetreiber, denn das ist bekannter Weise pures Gift für jedes Pferd! Aber kann ja mal passieren (sollte aber nicht) & wir zeigen auch durchaus Verständnis. Wir wissen, dass es in unseren Breitengraden gar nicht immer so einfach ist, perfektes Heu zu produzieren. Der Chef hat auch sofort reagiert & den Heuballen entfernt. Wohin wissen wir allerdings auch nicht… Ein paar Tage später ist am Morgen dann die Boxe nicht wirklich sauber gemistet. Der neue Stallbursche ist wohl noch nicht so ganz mit seinen Aufgaben vertraut. Wir schauen da jetzt mal grosszügig darüber hinweg & denken uns nichts Böses. Kann ja mal passieren… Am Abend ist dann allerdings immer noch die gleiche Urinsauce in der Box anzutreffen & der Ammoniakgeruch reizt etwas unsere Nase & Laune…

Jetzt freuen wir uns aber erst mal auf den Frühling. Da werden doch sicher endlich mal die Weiden offen sein. Leider war ja angeblich der Winter nicht kalt genug, so dass der Boden gefrieren konnte. Somit kamen jetzt eben auch leider die grossartig versprochenen Winterweiden gar nie zum Einsatz. Wir hinterfragen uns nur, warum wir denn eigentlich jeden Morgen die Autoscheiben stundenlang kratzen mussten & wochenlang haben wir vor Kälte gezittert… Aber jetzt kommt ja alles gut, der Frühling ist da! Leider aber eben immer noch keine Weidezeit & der rostige Nagel steckt doch auch immer noch in dieser blöden Boxenwand, wo wir ihn damals beim Besichtigungstermin entdeckt hatten. Jetzt sollen erst mal die Kühe auf die Wiesen. Die fressen dann erst das Gröbste ab. Sei doch so auch viel besser für die Pferde, da Kuhweide ja kein Pferdegras ist… Ja, ja, das wissen wir doch auch & haben schon Verständnis. Wir fragen uns nur, warum der Stallbetreiber einer Pferdepension auf den Weiden kein Pferdegras angesät hat…

Wassertränke

Ach herrje, die Wassertränke ist futsch & muss erst mal repariert werden, aber der Betreiber hat gerade so viel um die Ohren. Er stellt unserem Pferd einen alten Zementkessel vom letzten Umbau hin…. Hmmm… der schwarze Kunststoffkübel stinkt ganz schön chemisch so an der Sonne & das Hü will das angebotene Wasser daraus auch einfach nicht trinken… Ach, für 1-2 Tage wird das schon gehen. Nach einer Woche kaufen wir dann aber doch vom eigenen Geld einen neuen teuren lebensmittelechten Wasserbehälter & füllen diesen von nun an natürlich auch regelmässig selber auf, da die Tränke leider immer noch nicht repariert wurde.
Wir nehmen unseren Frust & gehen halt mal wieder mit dem Hü auf den Sandplatz. Leider steht dieser aber gerade auch schon wieder mal unter Wasser. Es ist nur tiefster Sumpf & für Pferdebeine einfach ungesund & an sinnvolles Gymnastizieren ist so gar nicht zu denken. Der Stallbetreiber stimmt uns nickend zu, dass da vorher eine gescheite Drainage hätte gelegt werden müssen & geht wieder ins Haus zurück. Tja, was haben wir erwartet, nach ein paar Wochen ist die Weide immer noch nicht frei gegeben, das Heu immer wieder schimmlig & anstelle von der Stroheinstreu hat es nun staubiges Sägemehl in der Box. Wir sehen über vieles weg & möchten eigentlich nur das versprochene gute Heu & wundern uns noch, da gerade der letzte Sommer so furztrocken war. Leider wird jetzt aber auch noch an der staubigen Einstreu gespart & wir haben das nächste Problem. Unser Barhufer steht wortwörtlich im Mist & nach wenigen Wochen zeigt sich Strahlfäule an allen vier Hufen.

Aber ach, bitte weg mit den schlechten Gedanken… Das kommt sicher schon wieder gut. Ist sicher nur eine schlechte Phase… Der Stallbursche hatte einfach nur gerade etwas Stress & wir streuen einfach selber noch etwas nach. Frau muss auch mal etwas Verständnis für so einen Pensionsbetrieb zeigen.

Ärger

Das Donnerwetter am nächsten Tag müssen wir nun erst mal noch etwas verdauen. So ungehobelt, grob & verletzend ist uns gegenüber noch nie ein Mensch aufgetreten. Das Gebrüll des Stallchefs halt noch immer in unseren Ohren. Von wegen; „…was uns denn verdammt nochmals eigentlich einfalle… & das sei ja pure Verschwendung von Einstreu! Das müssten wir nun noch extra bezahlen. Er sei doch hier nicht der Pestalozzi & unser Scheissgaul verspritze ja mit seinem ständigen Kotwasser auch noch die ganze Wand… & überhaupt, sowas gehe ja mal gar nicht & er wird das nicht nochmals dulden. Er sei hier der Chef & er lasse sich da auch nichts & von niemandem rein reden & sich ganz sicher auch sowas nicht von uns gefallen!“

Wir gehen geknickt nach Hause zu unserem Partner & klagen ihm unser grosses Leid. Der rostige Nagel sei übrigens auch immer noch da & wir bringen ihn selber einfach nicht raus. & wie Scheisse das doch alles sei & dass unser geliebtes Pferd doch so sehr unter der Situation leidet & 24h dort leben müsse & dass wir doch immer artig & pünktlich einen hohen Preis für die versprochenen Dienstleistungen bezahlen… Er nickt nur kurz zwischendurch auf & starrt weiter in den blöden Fernseher. Unser lieber Schatz mag es eben auch schon langsam nicht mehr hören… Immer ist was mit diesen Ställen nicht recht & wir spüren seine Zweifel, ob es nicht doch wohl auch etwas an uns liegt, dass wir immer solchen Ärger mit den Stallbetreibern hätten. Er hatte da kürzlich auch wieder mal das Gefühl, dass wir etwas zickig drauf sind. Päng! Der Streit eskaliert & wir schreien uns an diesem Abend das erste Mal richtig an.

Nach einem anstrengenden Tag im Büro, freuen wir uns nun aber darauf etwas Qualitätszeit mit unserem Pferd zu verbringen. So ein teures Hobby leistet sich ja auch nicht jeder & das wollen wir als Ausgleich auch mal geniessen. Schliesslich verzichten wir bei solchen Pensionspreisen gerne auf Ferien, Klamotten & sonstigen Luxus. Was wir nicht wussten, der Stallbetreiber hatte jetzt noch die „gute Idee“ eine kleine Schweinezucht gleich neben den Pferdeboxen zu betreiben. Bei dem Geruch dreht das eigene Hü total durch & steht schweissnass & mit rasendem Puls zittrig in der dreckigen Boxe. Ach ja, die Raufe ist ja auch schon wieder leer. Hat mein Liebling jetzt schon alles Heu gefressen – oder vielleicht noch gar nix bekommen? Wir wissen es nicht, da die Fütterungszeiten schon lange nicht mehr geregelt oder irgendwie kommuniziert sind. Wir versuchen das Problem höflich anzusprechen & werden angeschnauzt, dass wir ja gehen können, wenn es uns nicht passt. Wir sind dem Betreiber eh schon ein Dorn im Auge, da wir uns ja schon ein paarmal erlaubten über das schimmlige Heu zu klagen & seit kurzem auch noch behaupten er würde die Halme mit der Pinzette abzählen. Dass unser Pferd bereits deutlich abgenommen hat, hält er für ein reines Hirngespinst & dass die Einstreu stinke & der blanke Betonboden darunter sichtbar ist, will er gar nicht hören. Jetzt hat unser Pferd nebst Panik Attacken auch noch chronischen Husten & ein erneuter Hufabszess macht sich schon bemerkbar…

Das liebe Geld

Selbstverständlich zahlen wir unsere CHF 950.- Pension immer brav & pünktlich ein, auch wenn der Service gar nicht mehr das ist, was ursprünglich abgemacht wurde. Der Trocknungsraum für die nassen Decken wurde nie fertig gestellt & auch der neue tolle Abspritzplatz für die Pferde ist immer noch nicht da. Die extra CHF 50.- für das Benützen des (nicht zu benützenden) Sandplatzes können wir uns am Bein abstreichen. Jetzt heisst es nämlich plötzlich, dass diese CHF 50.- nicht optional zusätzlich wählbar, sondern Teil der Pension sind. Ach, & übrigens müssen wir ab nächsten Monat nun noch die Mehrwertsteuer extra drauf bezahlen. Das hätte er ja am Anfang vergessen zu berechnen & grosszügiger Weise bis jetzt für uns übernommen.
Wir gehen frustriert nach Hause & durchforsten das Internet nach einem anderen, neuen, besseren Stall.

Auf  Stallsuche

Schon wieder mit unserm geliebten Pferd umziehen? Uns drückt es den Magen zusammen. Das arme Tier hat in den letzten 2,5 Jahren schon 4x den Stall wechseln müssen. Das kann es doch echt nicht sein. Da, ein vielversprechendes Inserat! Jetzt, jetzt aber werden wir ihn doch sicher finden. Unsere Ansprüche haben wir ja schon lange nach unten angepasst. Nur sauber sollte es bitte sein, damit unser Pferd nicht im eigenen Dreck stehen muss. Etwas dämmende Einstreu wäre schon schön, damit sich das Hü auch gerne mal hinlegt. Etwas Licht, frische Luft & genug Platz um sich zu Drehen wäre ganz toll. Wenn möglich bitte, bitte mit der Möglichkeit Sozialkontakte mit anderen Pferden zu pflegen. Nein, lieber kein Strom auf dem Auslauf, wir möchten doch, dass die Pferde wenigstens über den Zaun Fellpflege betreiben können. Den Traum von der artgerechten Gruppenhaltung haben wir ja schon sehr lange aufgegeben. Gutes Heu bitte, das ist uns ganz, ganz wichtig! Wir wollen unser Hü ja nicht auf lange Zeit vergiften. Sauberes Wasser &
dies bitte wirklich 24h frei verfügbar. Nein, wir möchten nicht, dass das Pferd stundenlang ohne Wasser auf der Weide ist, aber schön, dass es bei ihnen überhaupt auf die Weide darf. Was kostet das? Ach… nur CHF 1050.- im Monat? Ach ja klar, die MwSt. kommt dann natürlich noch oben drauf. & das können sie uns so alles wirklich garantieren? Ja klar zahle ich immer pünktlich, ich mache gleich einen Dauerauftrag.

Tja, meine zweieinhalb Zimmerwohnung kostet im Monat CHF 1200.- inkl. Heizung. Was soll‘s, ich kann mich ja auch in einer kleinen WG einmieten. Mein Freund hat mich nach dem letzten Streit eh schon verlassen. Er sagte, dass mir das Wohl meines Pferdes eh immer viel wichtiger war. Stimmt & bei der nächsten Stallbesichtigung fährt schon wieder ein Hänger vor… & was ist das für ein rostiger Nagel dort in der Wand?

Vielen Dank an Sascha Moll für diesen, leider traurigen, Bericht über das Leben in Pensionsställen.




 

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