Lara Rée

Ein mobiler Unterkiefer ist mit Hilfszügeln nicht zu erreichen

Als Ausgangspunkt für die Beurteilung der Frage, ob der Einsatz von Hilfszügeln sinnvoll ist oder nicht, möchte ich gerne zwei Zitate anführen:

a) „In allen Gangarten ist eine leichte Mobilität des Unterkiefers ohne jede Nervosität ein Beweis für den Gehorsam des Pferdes und für eine harmonische Verteilung der Kräfte“ (FEI-Reglement, 1958 gestrichen)

b) „Der Reiter, der das Nachgeben im Genick mit Hilfszügeln erzwingt und das Pferdemaul mit speziellen Reithalftern zuschnürt, handelt nicht anders als ein Erzieher, der ein Kind knebelt und am Stuhl festbindet, um es zur Ruhe zu bringen.“ (Zitat Ph. Karl, Irrwege der modernen Dressur, Cadmos Verlag 2006)

Sowohl die FEI als auch die klassische Reitlehre gingen bzw. gehen noch heute davon aus, dass die Mobilität des Unterkiefers zentraler Ausgangspunkt jeder Ausbildung des Pferdes ist. Die FEI hat diese Auffassung jedoch leider im Laufe der Zeit aus den Augen verloren und hat den eingangs zitierten wesentlichen Passus ohne Erklärung aus ihren Reglementen gestrichen. Dies ist umso bedauerlicher, als dass der Ansatzpunkt ein absolut richtiger war. Denn die Entspannung und das ins Gleichgewicht stellen des Pferdes sind Dreh- und Angelpunkt in der Ausbildung. Ein Pferd, welches sich auf die Hand oder auf Hilfszügel abstützt, kommt unweigerlich auf die Vorhand und verspannt dabei seinen Kiefer. Es macht sich schwer, die Mobilität des Unterkiefers ist verunmöglicht. Dies insbesondere dann, wenn eng geschnallte Nasenriemen noch zusätzlich verhindern, dass das Pferd sein Maul öffnen und seine Zunge mit dem Gebiss spielen lassen kann. Kann das Pferd aber seinen Kiefer nicht öffnen und ihn nicht mobilisieren, kann es nicht entspannen. Und ohne Entspannung wird es sein Gleichgewicht nicht finden, weil es sich ständig muskulär festmachen muss, um sich auszubalancieren. Seinen Hals, durch die Hilfszügel in seiner seitlichen Bewegungsfreiheit und Biegsamkeit begrenzt und nach unten/hinten eingestellt, kann es nicht als Balancierstange einsetzen. Es kann ihn nicht anheben und aufrichten und so sein Gleichgewicht von vorne nach hinten verlagern, weil die Hilfszügel ihn festhalten. Sobald das Pferd seinen Hals aus der von den Hilfszügeln vorgegebenen Position befreien will und ihn z.B. nach oben anhebt, wirken die Hilfszügel rückwärts gerichtet auf das Pferdemaul, im Spezifischen auf die Zunge und den Kiefer, ein. Diese Einwirkung ist für das Pferd schmerzhaft, weshalb es rasch lernen wird, den Hals nicht mehr anzuheben, sondern ihn tief zu halten und dem Druck, den die Hilfszügel auf sein Maul ausüben, auszuweichen, indem es seinen Kiefer nicht mobilisiert, also nicht mehr mit der Zunge am Gebiss spielt, und sog. tot im Maul wird, sich aufrollt und die Nasenlinie hinter die Senkrechte bringt. Dies hat zur Folge, dass das Pferd noch mehr auf der Vorhand geht, das Genick nicht mehr der höchste Punkt ist und das Pferd so sein Gleichgewicht immer mehr verliert. Sein Hals wird starr, seine seitliche Biegsamkeit und Beweglichkeit werden immer mehr vermindert, bis sie gar nicht mehr vorhanden sind, was wiederum dazu führt, dass das Pferd im Rücken blockiert und anfängt, taktunrein zu gehen.

Ausbildungsziele wie Losgelassenheit (was nichts anderes heisst, als Leichtigkeit an den Hilfen, dh. Leichtigkeit an der Hand und am Bein, Entspannung und Gleichgewicht), Biegsamkeit, Takt und Geraderichten/Gleichgewicht, können somit nicht erreicht werden und gehen von Anfang an verloren, wenn man insbesondere Jungpferde mit Hilfszügeln longiert und/oder reitet. Ein Pferd gerade zu richten und ins Gleichgewicht zu bringen, ist aber das primäre Ausbildungsziel von Anfang an. Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, ohne dass das Pferd seitlich im Hals biegsam ist, ohne dass es seinen Hals aufrichten und wieder vorwärts-abwärts in die Horizontale (nicht auf den Boden und nicht hinter die Senkrechte!) dehnen kann, ohne dass es seinen Unterkiefer mobilisieren und dadurch entspannen und ins Gleichgewicht kommen kann. Wird hingegen die Mobilisation des Unterkiefers zugelassen und die vollständige horizontale und vertikale Biegsamkeit des Pferdehalses trainiert, lässt sich nicht nur die Dehnungshaltung des Pferdes bestimmen, sondern es wird grundsätzlich geschmeidig und seine natürliche Schiefe kann verringert werden, indem man die Kontrolle über seine Schultern und damit über sein seitliches Gleichgewicht gewinnt. Damit aber wird erreicht, dass man das Pferd gerade richten kann. Ist man jedoch darauf fixiert, die Beugung des Genickes an erste Stelle zu setzen, so erzwingt man eine Haltung und geht das Problem verkehrt herum an, bzw. befördert eine falsche Genickbiegung und die Ausbildung eines Pferdes, das weder im Gleichgewicht, noch losgelassen und auch nicht gerade ist.

Ein Pferd nimmt Kontakt zum Zügel auf, indem es das Genick öffnet (und nicht, indem es sich rundet und einrollt), und es zeigt seine Entspannung, indem es Zunge und Unterkiefer mobilisiert. Das An-die-Hand stellen muss somit mit dem Nachgeben im Unterkiefer beginnen als zwingende Vorbedingung, aus der sich alles andere ergibt. Ziel ist ein Pferd, das jederzeit leicht an den Hilfen steht. Dies aber führt zum Ausschluss jeglichen Einsatzes von Kraft oder Zwangsmitteln und damit auch zum Ausschluss von Bequemlichkeitslösungen, wie Hilfszügel sie darstellen.

Lara Rée, EdL Reitlehrerin in Ausbildung

Lara Rée ist seit 2008 Reitlehrerin in Ausbildung bei Philippe Karl und weist über mehr als 30 Jahre Reiterfahrung aus. Sie arbeitet aktuell teilzeit als mobile Reitlehrerin für FreizeitreiterInnen im Raum Zürichsee rechtes Ufer, Zürcher Oberland, Raum Baar/Zug/Cham und Freiamt Richtung Büttikon/Wohlen AG und unterstützt Reiter und Pferde bei der gemeinsamen Ausbildung nach den Grundsätzen der Ecole de Légèreté.

http://www.leichtigkeit-im-reiten.com/

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