Ergotherapie für Pferde

Ergotherapie für Pferde

Artikel von Luisa Bianchi

Was man darunter versteht und wie diese Therapieform meinem Pferd helfen kann

Vielen Menschen ist der Begriff «Ergotherapie» bekannt, weil sie entweder selbst einmal in ergotherapeutischer Behandlung waren oder allgemein einen Bezug dazu haben. Nur wenigen Menschen ist jedoch bewusst, was Ergotherapie genau bedeutet, was man sich darunter vorstellen kann und warum es sinnvoll ist, dass die Ergotherapie auch bei Pferden Anwendung findet.

Dieser Artikel soll einen Einblick in das Fachgebiet Ergotherapie für Pferde ermöglichen und gleichzeitig ein Grundwissen über die Körperwahrnehmung vermitteln.

Der Begriff «Ergotherapie» stammt aus dem Griechischen und bedeutet im übertragenen Sinne «Gesundung durch Handlung». Im Human-Bereich hat sich die Ergotherapie schon lange Zeit als medizinischer Heilberuf etabliert und ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil des therapeutischen Spektrums. Ziel der Ergotherapie ist es, die Handlungsfähigkeit des Menschen im Alltag zu fördern und somit auch seine Lebensqualität zu verbessern bzw. wiederherzustellen. Die Ergotherapie ist ein ganzheitlicher, therapeutischer Ansatz und fördert ein harmonisches Zusammenwirken von Wahrnehmung, Bewegung und Aufmerksamkeit.

        

 

Auch unsere Pferde können in vielen Bereichen von den grundlegenden Prinzipien der Ergotherapie profitieren. In modifizierter Weise können diese Prinzipien deshalb auch auf die Pferde übertragen werden.

Das Prinzip der Wahrnehmungsverarbeitung

Die Sensorische Integration

Viele verschiedene Umweltreize sind im Alltag unserer Pferde allgegenwärtig. Die Basis für die Pferde-Ergotherapie bildet die «Sensorische Integration (SI)» nach der amerikanischen Entwicklungspsychologin und Ergotherapeutin Jean Ayres.

Definition:
«Die Sensorische Integration sortiert, ordnet und vereint alle sinnlichen Eindrücke des Individuums zu einer vollständigen und umfassenden Hirnfunktion.»
Vereinfacht ausgedrückt bedeutet Sensorische Integration (SI) so viel wie «Wahrnehmungsverarbeitung».

Alle Informationen, bzw. Reize, die über die verschiedenen Sinnessysteme (die sogenannten Basissinne) aufgenommen werden, werden im Gehirn und Nervensystem weitergeleitet, verarbeitet, verknüpft und interpretiert, sodass Pferde in unterschiedlichen Situationen auf eine bestimmte Art und Weise reagieren und agieren. Eine gut funktionierende Wahrnehmungsverarbeitung ist der Grundstein für eine adäquate Körperwahrnehmung. Das harmonische Zusammenspiel der drei Basissinne ist hierbei entscheidend.

Die drei Basissinne des Pferdes

Es gibt drei wesentliche Sinnessysteme, die grundlegend für die Entwicklung des Körpergefühls des Pferdes massgebend sind. Bereits im Mutterleib entwickelt ein Fohlen die wichtigen drei Basissinne, noch bevor andere Sinne wie beispielsweise das Hören, Sehen, Riechen oder Schmecken entstehen. Die drei Basissinne und deren gegenseitiges Zusammenwirken ermöglichen dem Pferd ein umfassendes Körperbewusstsein. Körpergefühl ist somit also die Fähigkeit zur vollumfänglichen Körperwahrnehmung, die durch die Sensorische Integration (SI) entsteht.

Zu den drei Basissinnen zählen:

Das Taktile System (Oberflächensensibilität)

Das Taktile System ist das grösste Wahrnehmungssystem und für die Oberflächensensibilität verantwortlich. Es umfasst den Pferdekörper mit seiner gesamten Hautoberfläche und schützt das Pferd vor chemischen, mechanischen und thermischen Einflüssen. Sensoren in der Haut nehmen die verschiedenen Reize auf und leiten diese weiter. Durch diese Informationen erhält das Pferd Kenntnis über Ausdehnung und Grenzen des eigenen Körpers.

Das Propriozeptives System (Tiefensensibilität)

Dieses System ist für die Tiefensensibilität, die sogenannte «Eigenwahrnehmung», verantwortlich. Die Propriozeption ermöglicht es dem Pferdekörper, die Stellung der eigenen Extremitäten zu erfassen und ebenso die Muskelkraft angemessen zu dosieren, mit der die einzelnen Körperteile bewegt werden.

Das Vestibuläre System (Gleichgewichtssystem)

Das Gleichgewichtssystem ist für die Aufrechterhaltung des Körpers und die Orientierung im Raum verantwortlich. Das Vestibular-Organ befindet sich im Innenohr und registriert Drehbeschleunigungen, Richtungsänderungen und Schwerkrafteinwirkung. Das Vestibuläre System ermöglicht dem Pferd geordnete Körperhaltungen und -bewegungen.

Wenn das Pferd ein gutes Körpergefühl hat, kann es nicht nur seine eigenen Ausmasse adäquat einschätzen, vielmehr kann es auch natürliche, koordinierte und geschmeidige Bewegungen zeigen. Zusätzlich besitzt es eine gute Balance und die Fähigkeit, sich auf unterschiedlichsten Untergründen und Böden problemlos zu bewegen.

Einschränkungen/Defizite bei der Wahrnehmungsverarbeitung

Verschiedene Gründe können dazu führen, dass das Zusammenwirken der Basissinne nicht adäquat möglich ist und die Wahrnehmungsverarbeitung des Pferdes eingeschränkt ist. Dies kann sich beispielsweise negativ auf gewisse Fähigkeiten des Pferdes (z.B. Balance, Koordination, Gleichgewicht oder Sensibilität) auswirken. Probleme in der Wahrnehmungsverarbeitung können sich variationsreich äussern. So kann ein Pferd z.B. über- oder unterempfindlich auf spezifische Reize reagieren. Als Folge können sich Probleme, bzw. Verhaltensauffälligkeiten im täglichen Umgang mit dem Pferd zeigen, welche oftmals als «Unarten» missinterpretiert werden. Folgende Auffälligkeiten können «Indikationen» für eine Pferde-Ergotherapeutische Behandlung sein:

  • Das Pferd verhält sich kopfscheu
  • Das Pferd stolpert häufig
  • Das Pferd reagiert empfindlich auf Berührungen (z.B. beim Putzen, Einsprühen, Scheren…)
  • Das Pferd reagiert beim Satteln oder Gurten mit Abwehrverhalten
  • Das Pferd steigt nicht gerne in den Anhänger
  • Das Pferd driftet beim Reiten oder Longieren stark über eine Seite aus
  • Das Pferd lässt sich nicht gerne abduschen
  • Es bestehen Probleme bei der Hufbearbeitung
  • Das Pferd hat Probleme, den Takt zu halten und läuft eher unsicher
  • Das Pferd verhält sich beim Ausreiten schreckhaft und nervös

Dies sind nur einige Beispiele für mögliche auffällige Verhaltensweisen des Pferdes.

Für diese Pferde geeignet

Die Ergotherapie für Pferde ist grundsätzlich für alle Pferde zu empfehlen.

Für Pferde im Freizeitbereich, im Sport, für alte oder junge Pferde oder auch für Ponys oder Esel. Auch für Pferde, welche (noch) keine Einschränkungen in der Wahrnehmungsverarbeitung haben und (noch) keine Verhaltensauffälligkeiten zeigen, ist es als unterstützende und präventive Massnahme eine Bereicherung. Für folgende Pferde empfiehlt sich eine Pferde-Ergotherapeutische Behandlung ganz besonders:

  • Pferde mit Einschränkung der Körperwahrnehmung und des Körperbewusstseins (Verhaltensauffälligkeiten/Indikationen)
  • Für Pferde nach einer längeren Standphase (z.B. Boxenruhe) oder nach Verletzungen (Rehabilitation)
  • Für junge Pferde als Vorbereitung für die Ausbildung als Reit- und/oder Fahrpferd
  • Für Pferde im Therapie-Einsatz
  • Für Pferde, die einen psychischen Ausgleich benötigen

Wie die Pferde-Ergotherapie dem Pferd helfen kann

Die Basissinne des Pferdes können durch ein breites Spektrum an Übungen und Reizangeboten gezielt geschult und gefördert werden. Diese Übungen können sehr gut in das alltägliche Pferdetraining integriert werden. Ziel ist es, dem Pferd eine grosse Bandbreite an Sinneserfahrungen zu ermöglichen.

Die Therapiemittel, die bei der Behandlung eingesetzt werden, findet man auch in der Human-Ergotherapie, wie z.B. Balance Pads, Wippen, verschiedene Matten und Untergründe, Bodenstangen, Pylonen, Bälle, Rollen, Vibrationsgeräte u.v.m.
Durch eine häufige Stimulation der Sinnessysteme entstehen neue Verknüpfungen im Gehirn des Pferdes. Dadurch wird die Körperwahrnehmung des Pferdes verbessert. Wenn das Pferd eine gute Körperwahrnehmung hat, besitzt es alle wichtigen Grundeigenschaften, um ein sicherer und verlässlicher Partner in allen Lebenslagen zu sein. Zudem stärken Pferde-Ergotherapeutische Übungen die Pferd-Mensch-Beziehung und sind eine schöne Abwechslung für den eigenen Trainingsalltag mit dem Pferd.
Der/die Besitzer/-in des Pferdes spielt ebenso eine wichtige Rolle im Therapieprozess und kann massgeblich zum Therapierfolg der Behandlung und aktiv zum Wohlbefinden des Pferdes beitragen. Die Pferde-Ergotherapie kann andere Therapieformen (Tierarzt, Physiotherapie, Osteopathie, …) zielführend ergänzen und eröffnet dem Pferdebesitzer einen ganz neuen Zugang zu seinem Pferd.

Weitere Informationen findest Du auf www.pferde-ergo.ch 

 

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